Der Nebel (USA 2007, Frank Darabont)

DerNebelPoster01Frank Darabont hat sich mit Stephen King Verfilmungen seinen Ruf erspielt. DIE VERURTEILTEN und THE GREEN MILE zeichneten sich durch fast ehrfürchtige Vorlagentreue aus und nun, mit THE MIST, zeigt sich, was bereits ein paar wenige Nuancenverschiebungen und Hinzudichtungen ausrichten können: Sollte die Welt doch noch ein gerechter Ort werden, dann dürfte THE MIST wenigstens bis zum Eintritt des nächsten Weltkriegs als der Film mit dem Schluss gehandelt werden. Ein Plottwist wohlgemerkt, den King seiner Kurzgeschichte versagte und bei dem es zugegeben schwer fällt, nicht an 9/11 zu denken. Aber ihm geht auch einiges voraus: nämlich zunächst eine Gruppe eingeschlossener Supermarktbesucher, die sich urplötzlich mit einem gefährlichen Nebel konfrontiert sehen, in dem unheimliche Wesen hausen. Da es an logischen Erklärungen mangelt, entbrennt auch bald ein Konflikt der Weltbilder: Rationalisten und Skeptiker auf der einen, religiöse Untergangsprediger auf der anderen Seite. Das ist nicht neu, im Grunde sogar sehr typisch für Erzählungen dieser Provenienz, wird aber dargeboten als sich logisch entzündender Konflikt, an dem auch die Art und Weise, wie sich die Gefahr zeigt, nicht unbeteiligt ist. Anders als etwa in Carpenters THE FOG bewegt sich in diesem Nebel nicht die verdrängte und nun materialisierte Schuld, die nach den Lebenden trachtet, es ist vielmehr eine Parallelwelt, die eigenen Gesetzen zu folgen scheint und eher beiläufig, zumindest nicht zielgerichtet mit der diesseitigen kollidiert. Vieles bleibt im Bereich der Andeutungen, keine Hetzjagden und Gefahren in Permanenz. Das lässt den Figuren wiederum genügend Spielraum für Deutungsversuche und dem Zuschauer Zeit für Projektionen. Was die Dunkelheit frisst, bleibt im Nebel schemenhafte Gestalt, mag dadurch greifbarer sein, bleibt aber dennoch unerklärlich. Etwas, vom dem man gar nicht vermutet, dass es da ist, verlangt auch nicht, mit Sinn belegt zu werden, und schlägt es erstmal zu, war sein Kommen ohnehin nicht abzusehen. Der Blick der Figuren in den trotzdem transparent erscheinenden grauen Schleier ist auch der Blick des Zuschauers, der seine archetypischen Urängste darin verhandelt sehen mag, aber bitteschön nicht ohne plotimanente und bitteschöner logische Erläuterung der Zusammenhänge. Die Bandbreite ist völlig nachvollziehbar gestaffelt, und es ist Darabont hoch anzurechnen, dass er den Figuren genügend Selbstzweifel und Widersprüche belässt, um sie nicht zu Stereotypen des jeweiligen Lagers zu degradieren. Vom point of view eines Erzählers mag man keine Antworten erwarten, verharrt er doch fast hilflos an den Gesichtern der Betroffenen, als können nur noch ihre mannigfaltigen Versuche Sinn zu generieren, einem Sinn überhaupt noch am nächsten kommen. Die Montage bietet keine Heilsversprechen, sondern setzt ihr Ausbleiben fort. Trotzdem schwellen die Konflikte bis zur Lynchjustiz mit anschwellender tödlicher Selbstverteidigung an, aber erst so beginnt für die Fliehenden die Erkundung einer von Spinnen und Riesenskorpionen bevölkerten Welt. Und nun offenbart sich scheinbar das gesamte Ausmaß der Apokalypse, begleitet von der Frage, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, wenn sich während der Autofahrt nur noch der Eindruck verhärtet, dass die gesamte Welt von turmhohen Lovecraft-Monstren anmutig durchschritten wird und letztlich der leere Tank den Versuch zur Flucht zur unumstößlichen Entscheidung zur Wahl der Mittel des eigenen Ablebens wandelt. Da erscheint selbst der Supermarkt plötzlich wieder heimelig, und bevor sich die Frage nach der Sinnstiftung der Religiösen ein weiteres Mal und weitaus weniger skeptisch stellt, bricht plötzlich die Realität mit solch radikaler Härte ein, dass ich einmal diesen Superlativ verwenden will und meine, mit dem drastischsten Ende meiner Filmgeschichte konfrontiert worden zu sein. Ich kapituliere mit.

Der Nebel
(The Mist, USA 2007)
Regie: Frank Darabont
Darsteller: Thomas Jane, Marcia Gay Harden, Alexa Davalos, William Sadler u.a.
Länge: 121 Min.
Verleih: UFA


auch veröffentlicht bei: kino-zeit.de
Yuki (Gast) - 2008-08-13 17:44

Hm, alles in allem fand ich den Film ganz gut, die Gruppendynamik vorallem im Zusammenhang mit dem Konflikt "apokalyptischer Glauben" vs. "Vernunft" allerdings etwas gekünstelt, irgendwie gestelzt. Vorallem diesen einen dummen Dörfler als Beweis für Ambivalenz durch Furcht herzunehmen, war irgendwie einfältig. Das Ende fand ich klasse, aber wirkte ein wenig wie: "So, jetzt hauen wir noch den dicken Schocker in den Film!" *g*...kann mir nicht helfen und auch wenns eine der besten King Verfilmungen der letzten Jahre ist, aber mehr als "ganz gut" ist bei mir nicht drinne!

reformator - 2008-08-14 09:04

Also dem Konflikt wurde ja nicht nur genreimmanent Bedeutung beigemessen, sondern auch stellvertretend im Dienste des Blicks des Zuschauers ausgefochten: der ist ja nicht minder gezwungen, mit Sinnkonstruktionen auf das Treiben zu reagieren. Und da schien mir der Film doch etwas mehr erzählen zu wollen, zumal der Konflikt ja nicht wirklich dichotom ausfiel: es gab schließlich auch die Gruppe derjenigen, die sich partout vom empirischen Beleg nicht überzeugen lassen und trotzdem allem eine rationale Erklärung abringen wollten. Schlüssigkeit konnte keine Deutung für sich reklamieren, sondern allenfalls ein Tasten im Nebel der Uneindeutigkeit. In dem Zuge halte ich die Ambivalenz des dummen Dörflers nicht wirklich für eine: Für seine Sprunghaftigkeit steht er doch mit seinem Kopf ;-)
Zum dicken Schocker: der hat mich einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort erwischt, deswegen ja auch der Text. Hatte keine sonderlich hohen Erwartungen, schon deshalb gehört die Freude konserviert.
Yuki (Gast) - 2008-08-14 15:33

Fand, der Zuschauer merkt dank den Militarys und deren Andeutungen relativ schnell, dass da "mal wieder" ein Forschungsprojekt schiefgegangen ist; Somit sind den Sinnkonstruktionen des Zuschauers relativ schnell ein Ende gesetzt - und wenns die Protagonisten im Film nicht wahr haben wollen, is' es halt deren Pech :D...und das Ende fand ich ja auch sehr gut und erwartet hab ich's auch nicht unbedingt - diesen leicht bitteren Nachgeschmack werd ich trotzdem nicht los. Abschließend aber nochmal: Sehenswert ist das Ding auf jeden Fall, immerhin gibt es nicht viel Besseres in der aktuellen Kino- und DVD-Landschaft...
reformator - 2008-08-15 09:42

Ich meine eher das Zusammenspiel von Diegese und Extra-Diegese. Die Leerstelle Nebel zu füllen wird ja auf beiden Ebenen mehr oder weniger hilflos angestrengt: Zooms, Reißschwenks und die immer wieder zu findenden Nah- bis Detailaufnahmen der verblüfften Gesichter gehören ja allesamt nicht zum Standardrepertoire dieses Erzähltyps und werden verblüffend zahlreich eingesetzt. Kamera und Figur sind sozusagen beide vom Geschehen im Nebel überfordert wie fasziniert. Und bleiben wir auf der diegetischen Ebene, dann hat der Erklärungsversuch eines frischen Rekruten, der ob seines niedrigen Rangs ohnehin in keinerlei Entscheidungsprozesse involviert ist ebenfalls keine befriedigende Relevanz und fügt einem Puzzle ohne Lösung bloß ein weiteres Teil hinzu. Dass dies wiederum innerhalb der Gruppe auf Akzeptanz stößt, finde ich aber sehr nachvollziehbar, wenn innerhalb von zwei Tagen die Gesetze der Rationalität ihre Wirkung verlieren.
Und nebenbei: Wenn Guillermo Del Toro doch noch die "Berge des Wahnsinns" verfilmen sollte, dann klappts auch mit der Kinolandschaft. :-)
yuki (Gast) - 2008-08-15 16:40

lol okay, hab verstanden, was du meinst ;) Aber trotzdem: Was heißt "Diegese" *gg* - hab ich noch nie gehört :D
reformator - 2008-08-15 17:46

Na komm, auch für die seriöse Informationsbeschaffung ist das Internet ein 24 Stunden geöffneter Supermarkt.
Yuki (Gast) - 2008-08-15 22:46

lol, ja okay, Wikipedia verhalf Abhilfe :D war nur faul ;)

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