Kerstin Grether - Zungenkuß

kerstingretherzungenkussDie autobiographische Aufarbeitung der eigenen Punk – Sozialisation im westdeutschen Raum ist zur Zeit schwer en vogue: ob nun Vorkriegsjugend, Fleisch ist mein Gemüse, Dorfpunks oder AnarchoShnitzel schrieen sie, gemein sind sämtlichen Erzeugnissen die Leiden der jungen, stets männlichen Protagonisten, die sich in der Regel darauf beschränken, das vorstädtischen Uncoolsein ertragen zu müssen, Perspektivlosigkeit im Exzess vergessen zu lernen, das aufblühende sexuelle Begehren notgedrungen im Keim zu ersticken, den gesellschaftlichen Zurichtungen abzusagen und sich fortan Punk zu schimpfen. Kurz gesagt: im Hedonismus wurden die vermeintlichen Unzulänglichkeiten zur schmutzigen Tugend erhoben, obwohl man auch nicht viel mehr wollte, als die restlichen weniger privilegierten Mitmenschen: entweder seine Ruhe oder ein gehöriges Stück vom Kuchen des Erfolgs.
Pop war und ist die aseptische Kehrseite dieses Modells: Erfolg, Gegenwärtigkeit, Schönheit, Glamour, Reichtum und Partizipation sind seine Versprechen. Durch die in der Mitte der 90er Jahre einsetzenden Cultural–Studies Rezeption der sogennannten Poplinken wurde in diesen Produkten zunehmend ein ästhetischer Mehrwert ausfindig gemacht: Die Deutungsweise selbst weise demzufolge weit über die restriktive Beschränktheit des Materials hinaus, so dass mitunter der Eindruck entstehen konnte, die richtige Interpretation eines Madonna Songs bringe die Verhältnisse bereits zum Tanzen, und der Kauf eines Tonträgers sei weniger Ausdruck der Distinktion, als bereits gelebte Dissidenz.
Mit der Textsammlung „Zungenkuß“, der zweiten Buchpublikation nach dem bei Ventil veröffentlichten, autobiographisch gefärbten Roman Zuckerbabys, legt der Suhrkamp Verlag nun gebündelt Kerstin Grethers Kritiken, Interviews, Kolumnen und Essays der letzten 15 Jahre aus Spex, Intro und anderen Magazinen vor. Durch die chronologische Aufarbeitung liest sich das ganze dann tatsächlich sowohl als höchst subjektive Nabelschau eines durch und durch popaffinen Charakters, aber auch als eine Art Chronik des hiesigen Popjournalismus. Trotz des gern gepflegten theoretischen Überbaus, was bei den genannten Magazinen einer habituellen Notwendigkeit gleichkommt, landen die Autoren früher oder später immer wieder bei sich selbst. Letzlich läuft es beim Pop doch immer wieder auf die Frage hinaus: Was macht diese Platte, dieses Stück, diese Band mit mir?
Die Antwort überreicht Kerstin Grether in mannigfaltiger Form, die meist sympathisch, vor allen Dingen nicht als Präsentation des kulturellen Kapitals, wie es doch meist für die restliche Kollegschaft männlicher Provenienz gilt, gänzlich galant und nicht selten selbstkritisch ausfällt. Und so interessant die Geschichte des Mannes in der Rockmusik, die Befindlichkeiten der Groupies im Backsstageraum, die Verwaltung des abgemagerten, weiblichen Körpers unter der Schirmherrschaft des Medienbildes und die Tauglichkeit weiblicher Teenidole auch sind, so langweilig fällt doch andererseits die ewig gleiche Heldenvereehrung ins Gewicht; all die Begegnungen mit Primal Scream, Nick Cave, Tocotronic, Blixa Bargeld, Bela B..Keine Mythen, die hier wirklich destruiert würden, sondern vielmehr das gelebte Prinzip Pop: Mitmachen, das Morgen besser verdrängen, aber hin und wieder klaren Kopf behalten. So bewahren die Anflüge von Euphorie ihren regressiven Zug: dann zerstört etwa ein Kurt Cobain seinen eigenen Mythos des lebensüberdrüssigen Rockstars, weil er in seinen posthum veröffentlichten Tagebüchern den Eindruck zu erwecken schafft, „daß er sich auch gut um sich selber zu kümmern wußte.“
Die Kritik zielt eben nicht auf das dargebotene Material, sondern verliert sich wieder im modifizierten Mythos, im Image, in der Ideologie, in dem Glauben, beim Blick hinter die Kulissen eine Wahrheit aufzuspüren. Keine Klärung der Frage also, warum etwa Tomte nicht mehr als sozialdemokratischen Durchhaltepop fabrizieren, sondern bloß anerkennendes Schulterklopfen dafür, dass nette Menschen hin und wieder auch ihren Weg zum Überleben gefunden haben. Irgendwie verbleibt zum Schluss immer noch die Frage, warum ausgerechnet Musiker und nicht andere Unternehmer sich dafür so viel Lobes gewiss sein dürfen.
Suhrkamp

Kerstin Grether – Zungenkuß. Du nennst es Kosmetik, ich nenn es Rock`n Roll. Musikgeschichte 1990 bis heute (Suhrkamp 2007, 372 Seiten, 10 Euro)

auch veröffentlicht in: Junge Welt 20.04.2007

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