DIE FETTEN JAHE SIND VORBEI (D/A 2004, Hans Weingartner)
Das Protestkino der 70er scheint also wieder zurück: ästhetisch rau, um Realismus bemüht, und deswegen wird auch in den zahlreichen Dialogen aus dem tiefen Fundus der Phrasenschmiede gefischt. Allgemein genug gehalten, dass man ihnen nicht widersprechen will. Der desillusionierte Nachwuchs verzweifelt an der Gewissheit, keine neuen Ideen mehr entwickeln zu können, denn die wurden von den Jugendbewegungen vorheriger Dekaden längst beackert.Da jedoch die guten Ideen überleben, findet sich das 3er-Grüppchen auf der Alm mit einem fett gewordenen Alt-68er wieder, verzweifelt die Frage erörternd, wie es bloß dazu kommen konnte. Der Aktivismus ist gelähmt, die interne Selbstzerfleischung kann beginnen und, herrje, die Liebe hat noch nie über Ungerechtigkeiten hinweggetäuscht. Es ist wie beim Fettsack: Sicherheit ist ungleich Freiheit, wenn sie zerbirst, kann die Depression beginnen; das soll sie wohl mit dem drohenden sozialen Absturz gemein haben. Aber der Revoluzzertrupp findet die Kurve und macht sich, nach einer zweideutigen Auflösung, daran, dem medialen Verblendungszusammenhang das Handwerk zu legen. Zu welchen Ufern dieser Aktivismus führt (das diffuse Unrechtsbewusstsein soll zwar stets einem "größeren Zusammenhang" verhaftet bleiben, da sich eine derartige Vertiefung indes ungemein schwieriger gestaltet, findet sie auch gar nicht erst statt), will man lieber gar nicht wissen. Es hat sich ja nun erwiesen, dass Aufklärung nicht zwangsläufig als Indikator für Emanzipation gedeutet werden sollte.
2006-03-10 19:09 - Rubrik: Film

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